Wer war eigentlich Renata?

Renata-BildFür die ehemalige Mädchenmittelschule zu Hildesheim ist der Name Renataschule gewählt worden im Hinblick auf eine Goldschmiedstochter, die Veranlassung gab zu dem lieblichen Epos „Renata“ von Julius Wolff. Diese Dichtung spielt auf Hildesheimer Boden, und zwar zur Zeit der Stiftsfehde (1516), als der Bischof Johann IV von Hildesheim mit den Stiftsjunkern im Streit lag wegen der an sie verpfändeten Burgen. Zu dieser Zeit war es Sitte, dass um Pfingsten von den Bürgern der Stadt Hildesheim ein Maigraf gewählt wurde. Dieser hatte bei der prunkvollen Sitzung in der „Ratslaube“ Rat und Bürger festlich anzusprechen und den ersten Trunk auf das Wohl der Stadt auszubringen.

Im angeführten Jahr war Max, der Sohn des Ratsherrn Heinz von Heinde, zum Maigrafen erwählt worden. Sein Vater stiftete deshalb für den Tresor der Stadt einen goldenen Pokal. Der Auftrag zur Ausführung desselben wurde dem kunstgewandten, ehrenwerten Goldschmiedemeister Christoph Rotermund in der Wollenweberstraße übertragen, ihm aber die Bedingung gestellt, es dürfe, da der Pokal Freude bei festlichen Gelagen auslösen sollte, kein „kirchlich Beiwerk“ daran angebracht werden. Christoph Rotermund hatte eine Tochter, die sein heimlicher Geselle war und in ihrer Begeisterung für die hohe Kunst Herrliches leistete. Es fügte sich, dass, während Vater und Tochter über die Gestaltung des Bechers nachdachten, ein Goldschmiedgeselle aus Augsburg namens Leupold Obernetter bei ihnen eintrat. Er brachte Grüße von dem Ratsherrn Heinz von Heinde mit, dem er auf dessen Geschäftsreise nach Süddeutschland begegnet war. Der Geselle hatte wegen eines Streits mit dem Sohne seines Meisters seine Arbeitsstätte kurzerhand und ohne die notwendigen Zunftpapiere verlassen und war auf Hildesheim zugewandert. Er führte etwas bei sich, das der Bedingung, die Rotermund für die Ausführung des Pokals gestellt hatte, vorzüglich dienen konnte. Es waren Zeichnungen von Formen, die der wieder erstandenen antiken Kunst, der Renaissance, entsprachen. Nach ihren Vorbildern wurde nun der Becher von den drei Künstlern angefertigt. Alle Verzierungen am Becher wurden Renata übertragen. Sie nahm sich vor, das Antlitz Max von Heindes darin unterzubringen.

In das Herz der beiden jungen Goldschmiede war heimlich die Liebe eingekehrt. Leupold musste die Stadt aber wieder verlassen, weil die zunftgenössischen Gesellen ihn, der keine amtlichen Papiere aufzuweisen hatte, hier nicht dulden wollten. Vor seinem Weggang hatte Leupold Renata einen Bechersegen gelehrt. Die Jungfrau begab sich, um ihn anzubringen, eines Nachts bei Vollmondschein in die Godehardikirche, stellte den mit kostbarem Wein gefüllten Becher auf den Hochaltar und rief die heiligen Patrone der Goldschmiedekunst an mit der Bitte, sie möchten bewirken, dass jedem, der aus dem Becher trinke, Glück und Freude winke.

Am Tage vor Pfingsten fand die festliche Versammlung in der Ratslaube statt, in der der neuerkorene Maigraf dem Feste vorstand. Nach einer Ansprache seines Vaters überreichte Renata, wegen ihrer Schönheit und Anmut und ihres züchtigen Wesens von allen bewundert, dem jungen Patrizier den Pokal zum ersten Trunk. Max von Heinde war von der Schönheit des Pokals, von dem köstlichen Wein und am meisten von der bezaubernd schönen Jungfrau so beeindruckt, dass er für den Verlauf der Feier immer ihre Nähe suchte und ihr sogleich seine Liebe gestand. Aber auch alle übrigen, die den Becher schauten und an die Lippen setzten, waren wie umgewandelt und im Stande, mit schwungvollen, ja oft poetisch geformten Reden die Mitfeiernden anzusprechen. Als nun der Bischof erschien, ihm der Goldpokal gereicht war und er seinen Segensspruch auf Stadt und Land Hildesheim aussprechen wollte, gellte plötzlich ein Warnruf durch die Stille der Festhalle: „Trinkt nicht aus dem Becher, der Becher ist verhext!“ Tief beleidigt verließ der Bischof die Versammlung, und die gesamte Gemeinde löste sich tumultartig auf. Nun beschuldigte der Ratsherr Heinz von Heinde den Kellermeister Gottschalk der Panscherei mit dem Weine. Dieser, in seiner Ehre verletzt, stellte mit seinem Kollegen Jodocus aus der Domschänke in der Nacht darauf eine Probe mit dem Becher an:

Während Gottschalk aus einem gewöhnlichen Gefäße trank und dabei seine normale Verfassung behielt, wurde Jodocus, der den gleichen Wein aus Rotermunds Pokal genoss, in einen so eigenartigen Zustand versetzt, dass er allerhand kuriose Dinge vollbrachte. Gottschalk war voll überzeugt, dass der Becher verhext sei, und berichtete von der angestellten Probe und ihrer Wirkung dem Bürgermeister, der darauf Rotermund am folgenden Tage vor sich lud. Rotermund wusste von keinem Bechersegen und erklärte seine Unschuld. Dennoch blieb der Verdacht auf ihm hängen, und auch die Zunftmeister legten Rotermund Dinge unter, die eine Untersuchung durch das bischöfliche Gericht als notwendig erscheinen ließen.

Kurz vor der Tagung der nun angesetzten Verhandlung war Leupold von Augsburg mit Gesellenbriefen zurückgekehrt. Er hatte von der Not des Meisters gehört und auch davon, dass er mitbeschuldigt sei. Er war bereit, den Meister und Renata, mit der er sich jetzt verlobte, nicht zu verlassen. Gleich darauf wurde er von den Fronmännern in Haft genommen.

Rotermund saß nun auf der Anklagebank. Als Zeugen waren unter anderem Renata und der fremde Goldschmiedgeselle anwesend. Beim Verhör durch den Bischof erklärte Rotermund nochmals seine Unschuld. Der Bischof wollte von Folterung absehen. Als aber Rotermunds schärfster Rivale auf hochnotpeinliche Frage drang, musste der Folterknecht antreten. Nachdem Rotermund auf nochmaliges eindringliches Befragen des Bischofs vor dem allmächtigen Gott seine Unschuld beteuert hatte, sprach der Bischof zu dem Angstmann: „Nehmt die Leiter …“ (er wollte sagen: „Nehmt die Leiter fort!“). Da sprang plötzlich Renata von der Zeugenbank auf und bekannte laut: „Ich habe den Becher geschmiedet, allen Zierrat daran habe ich angebracht!“ Das Volk, verblüfft und entsetzt, schrie: „Auf den Holzstoß mit der Hexe!“ Der Gerichtsherr verlangte nun von der Jungfrau zu wissen, was sie mit dem Becher angestellt habe. Sie erklärte, dass sie nur Heilige, nicht den Satan, angerufen habe und begann den Segensspruch:

„St. Bernward, schaffe Lieb und Lust!

St. Dunstan, bringe Sang und Klang!

St. Loyen, hilf mit Rat und Tat!

Himmelsheilige …“

Sie konnte vor Erregung nicht weitersprechen. Da trat unvermutet und zum Erstaunen aller Leupold vor und vollendete:

„Himmelsheilige, gebt dem Becher allerwegen

Kraft und Segen,

dass dem Zecher, dem er blinket,

der draus trinket,

Glück und Freude blüht und winket!“

Nach einer Weinprobe, die er ähnlich wie es für ein Gottesurteil in der Vergangenheit oft üblich gewesen war, anstellte, erklärte Leupold die wundervolle Wirkung des Bechers in etwa so:

„Edler Wein in goldnem Becher, in Gesellschaft schöner Frauen und in laubgeschmückter Halle, das erfreut das Herz des Menschen … Doch der Wein ist’s nicht gewesen“ … „Die wundermächtige Zauberin einzig“, so führte Leupold weiter aus, „ist die neue Kunst, die wiederum erstandene, neu geborene Kunst der Alten!“

Nach dem ungeheuren Beifall aller Hörer sprach der Bischof die drei Hersteller des Pokals von vorgeworfener Zauberei und Hexerei frei. Leupold und Renata wurden nun feierlich in die Zunft der Goldschmiede aufgenommen, wo ihr Verlöbnis freudig begangen wurde.

Damit ist die Renata die erste Frau in dieser Zunft. Sie ist gewissermaßen eine der ersten emanzipierten Frauen des mittelalterlichen Bürgerstandes und von daher prädestiniert als Namenspatronin für eine Mädchenmittelschule, wie es unsere in ihren Anfängen noch war. Zum 50. Jubiläum der Realschulen am 25. Mai 1954 erhielt die Schule ihren heutigen Namen: „Renataschule“

Seitdem hat der Name der Renata in unserer Stadt seinen guten Klang behalten. Und mag man vielleicht auch nicht unbedingt sofort glücklich werden, wenn man heute in tiefen Zügen aus dem „Becher der Renata“ trinkt, so hoffen wir doch, dass zumindest alle Beteiligten Zufriedenheit spüren.

Mittelschulkonrektor a.D. Erich Warnecke